Andacht Juni 2019

Monatsspruch Juni 2019

Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.
(Buch der Sprüche, Kapitel 16, Vers 24)

Liebe Leserin, lieber Leser ! 

Meine Großmutter rieb sich gerne ihre Waden mit Franzbranntwein ein. Wohltuend für müde Beine, wohlriechend für den, der es mag. Das, was für meine Großmutter der Franzbranntwein war, waren für das alte Israel die verschiedensten, teilweise unerhört teuren ätherischen Öle und Honig. Honig wurde als Süßungsmittel, für Anwendungen auf der Haut oder als Badezusatz verwendet. Um 3000 v. Chr. galt im alten Ägypten Honig als „Speise der Götter“ und als Quelle der Unsterblichkeit: Ein Topf Honig hatte einen Wert vergleichbar mit dem eines Esels. Zucker, so wie wir ihn heute kennen, gab es in Israel noch nicht.

Wenn wir uns heute über Süßes hermachen, dann nicht nur um uns an dem Geschmack von Schokolade, Gummibärchen oder anderen süßen Sachen zu erfreuen, sondern dieser Genuss wirkt auch immer auf unsere Seele. Nicht umsonst spricht man ja auch von der Schokoladensucht.

Das Bild vom Honig können wir hier schnell verstehen und es verdeutlicht uns, dass gute Worte nicht bloß im Kopf ankommen, sondern dem ganzen Körper guttun. So wie böse Worte tatsächlich gefühlten Schmerz verursachen können.

Doch mit „süßen“ Worten ist das so eine Sache. Wir kennen die Redensart: „Jemandem Honig um den Bart schmieren“. Wer das tut, hegt meist undurchsichtige Absichten. Worte können süß und angenehm sein, aber im Nachhinein „bitter aufstoßen“, wenn sich herausstellt, dass man enttäuscht wurde. „Denn die Lippen der fremden Frau sind süß wie Honigseim, und ihre Kehle ist glatter als Öl, hernach aber ist sie bitter wie Wermut und scharf wie ein zweischneidiges Schwert.“ (Sprüche 5, 3-6). Das Süße ist also nicht immer gleich gut, es braucht Kriterien, um gute von schlechter Süße unterscheiden zu können.

Der rechte Maßstab

Den passenden Maßstab finden die biblischen Schreiber in der göttlichen und daher vollkommenen Tora. Ihre Worte sind sogar noch süßer als Honig, sie sind praktisch der Inbegriff von Süße, wie wir in Psalm 19 Vers 11 lesen können. Wer die Tora studiert, lernt nach Auffassung der alten Weisen auf angenehme Weise das Gute. Nun machen wir allerdings die Erfahrung, dass wir Bibellesen teilweise als sehr mühsam und anstrengend empfinden. Vieles – in den Gesetzen oder prophetischen Schriften des Alten Testaments – rutscht uns nicht so „glatt“ die Kehle herunter. Doch sollten wir nicht zu schnell aufgeben, denn der Geschmack kommt bekanntlich beim Essen. Ein besonderes Beispiel im Alten Testament ist dafür der Prophet Ezechiel. Er wird von einer göttlichen Gestalt aufgefordert, eine Schriftrolle zu essen, die lauter Anklagen an das Haus Israel enthält. Doch während des Essens werden dem Propheten die bitter erscheinenden Worte im Mund „süß wie Honig“. Das bedeutet natürlich jetzt nicht, dass wir aufgefordert sind, unsere Bibel zu essen. Doch dieses Bild will uns sagen, dass auch manche ernsten und auf das erste Hören hin ungemütlichen Worte durchaus ihre „süße Wirkung“ entfalten können.

Bibellesen kann also das Leben verändern. Die Bibel zeigt uns, auf welcher Grundlage wir einem anderen Menschen etwas sagen sollen. „Freundliches Reden“ heißt, dem oder der anderen in Liebe mit Worten zu begegnen. Und das kann ein Lob sein oder auch mal eine Rückmeldung, die im ersten Moment nicht „schmeckt“, sich aber dann doch positiv auf die Beziehung auswirkt, weil sie ehrlich war, weil sie Hilfe war. Seinem Gegenüber etwas zumuten, aber so, dass er oder sie es für sich annehmen kann – das ist eine Kunst, die es zu lernen gilt. Sie funktioniert nur dann, wenn mein Blick ein liebevoller ist.

Ihr und euer Pastor Dirk Liebern

(Bildnachweis: privat)